Portrait: Kevin Wahr

12-08-2010

Honda-Pilot Kevin Wahr in der Supersport-IDM

Fokussiert auf Erfolgskurs

Kevin Wahr pilotiert seit dem IDM-Rennen am Nürburgring eine Honda CBR600RR. »In die Saison 2010 bin ich mit meinem eigenen Team gestartet. Nach dem Sieg in Oschersleben im Regen kam der Anruf mit der Frage, ob ich mir einen Wechsel ins Holzhauer-Team vorstellen könnte«, erzählt der Supersport-Pilot aus dem Schwarzwald. »Ich habe mir zuerst Bedenkzeit erbeten und mit allen geredet, die mich bis dahin unterstützt haben. Ich wollte keine verbrannte Erde hinterlassen. Alle haben mir geraten, diese Chance in einem professionellen Team zu ergreifen. Anschließend habe ich die Honda zwei Tage am Lausitzring getestet, es hat gepasst, und jetzt bin ich hier.«

Kevin stammt aus Nagold, ist 21 Jahre alt und gelernter Bankkaufmann. Derzeit arbeitet er jedoch im elterlichen Betrieb, einem Brennstoffhandel mit Spedition und fährt unter der Woche LKW. »Da kann ich mir die Zeit für die Rennerei besser einteilen, das war in der Bank mit nur 30 Tagen Urlaub immer ein Problem. Mein Ziel ist es, professionell Motorsport zu betreiben. Wenn es gut läuft, ist mir in Aussicht gestellt worden, mit dem Holzhauer-Team in die Superbike-IDM aufzusteigen, weil Honda dafür langfristig ein deutsches Talent aufbauen möchte. Was danach kommt, wird man sehen.«

Zunächst steht jedoch Konzentration auf die Supersportklasse im Vordergrund. »Dass ich Rennen gewinnen kann, davon bin ich überzeugt«, sagt Kevin, »denn mit der Honda waren die Rundenzeiten auf Anhieb sehr gut und auch konstant.« Seit dem Wechsel klettert Wahr jedenfalls in der Punktetabelle weiter nach oben. Am Sachsenring brauste er in den Doppel-Rennläufen auf die Plätze 2 und 4. Am Salzburgring wurden die Plätze 3 und 9 eingefahren. Inzwischen rangiert er bereits an vierter Position in der Meisterschaft, die mit einer erneut starken Performance in Schleiz (Rang 4) weiter zementiert wurde. Wahr: »Weiter nach vorne kommen ist möglich, aber nicht so einfach. Es hängt ja auch davon ab, wie die Konkurrenten ins Ziel kommen.«

Nur beim ersten Renneinsatz mit der rot-weiss-blauen 600er gab es keine Punkte. Wahr: »Am Nürburgring war Mischmasch-Wetter. Vor dem Rennen hatte es geregnet, aber es sah nach Auftrocknen aus, also haben wir uns für härtere Regenreifen entschieden. Leider fing es in der ersten Runde wieder an zu regnen. Ich hatte keinen Grip, habe trotzdem versucht, den anderen zu folgen und bin dabei gestürzt. Ich konnte zwar weiter fahren, dann wurde jedoch abgebrochen. Beim Restart stand ich deshalb weit hinten. Ich bin von Startplatz 30 noch vorgefahren bis auf Platz 16. Das war zwar nicht schlecht, ergab aber keine Punkte.«

Erste Rennerfahrungen schnupperte Kevin auf Pocket-Bikes, als Sechzehnjähriger stieg er 2006 dann in den Yamaha-Cup ein, den er auf Gesamtrang 7 beendete. Vorausgegangen war ein Besuch bei der IDM Ende 2005 in Hockenheim, gemeinsam mit Vater Bernd, der früher selbst aktiv im Motorrad-Seriensport war. Weil Kevin gefiel, was er dort sah, äußerte er den Wunsch, ernsthaft in den Rennsport einsteigen zu wollen – worauf der Senior geantwortet hatte: »Ich helfe Dir, aber nur wenn wir vorher auf einer Rennstrecke in Spanien gemeinsam trainieren und Du schneller fährst als ich.« Diese Prüfung, immerhin mit einer Vierzylinder-1000er, bestand Wahr-Junior mit Bravour...

Nach der Saison im Markencup tankte sich das Talent aus Baden-Württtemberg drei lehrreiche Jahre in der Supersport-IDM durch und lernte fahrerisch Stück für Stück immer weiter dazu. 2007 auf Yamaha, 2008 auf Suzuki und 2009 schließlich auf Triumph. Die beiden letzten Jahre beendete er in der Meisterschaft jeweils auf dem 8. Endrang. 2010 segelte Wahr zunächst unter eigener Flagge und gewann dann überraschend mit seiner Truck-Tec-R6 bei extremen Witterungsbedingungen (Regen und Kälte) in Oschersleben sein erstes IDM-Rennen.

»Regen ist immer so eine Sache«, merkt Wahr dazu gelassen an. »Es gibt Tage, da funktioniert es gut, an anderen fliegt man runter. Wenn es regnet, rege ich mich nicht mehr auf, mir macht auch im Regen fahren Spaß. Warum ich in Oschersleben im Gegensatz zu vielen Konkurrenten sitzen geblieben bin? Es hat alles gepasst, wir haben beim Setup offenbar alles gut hinbekommen. Jedenfalls habe ich mich wohl gefühlt. Wenn man sich wohl fühlt, fährt man auch schnell Motorrad.«

Kevin, der nicht auf der Straße Motorrad fährt (»wenn man es zügig mag, ist man auf der Rennstrecke besser aufgehoben«) ist zum Ausgleich mit dem Mountainbike und im Winter mit dem Snowboard unterwegs. Dazu spielt er gerne Fußball und trainiert ab und zu als Stürmer in einem Kreisliga-Verein mit: »Das ist gut für die Kondition. Aufstellen lasse mich aber nur selten. Weil mir die Verletzungsgefahr vor einem Rennen zu groß ist. Wenn, bin ich nur als Ersatzspieler auf der Reservebank mit von der Partie.«

Ein spezieller Bonus für einen aufstrebenden Nachwuchsfahrer ist natürlich die Gegenwart von Ex-Weltmeister Karl Muggeridge. »Nicht nur vom Team kann ich viel lernen, auch von Karl, der zehn Jahre WM-Erfahrung hat. Zu Technik und Taktik ebenso wie zur Vorbereitung auf ein Rennen – er kann mir viele Tipps geben, die hilfreich sind.«

Bemerkenswert ist, wie durchweg konzentriert, ja fast fokussiert Kevin Wahr die Renn-Events in Angriff nimmt. »Mentales Training ist ein wichtiger Punkt. Oft beginne ich schon eine Woche vorher, mich im Kopf damit zu beschäftigen. Wenn ich dann ins Rennen gehe, habe ich alles, was passieren kann, schon mal durchgespielt. Jede denkbare Situation, ob positiv oder negativ. Mir hilft das, einen klaren Kopf zu behalten, wenn etwas schief läuft. Oder anders als geplant. Ich kann dann schneller reagieren. Auf den Sieg in Oschersleben etwa war ich schon seit drei Jahren vorbereitet. Deswegen habe ich mich auch eher still gefreut. Als ich auf dem Podest ganz oben stand, rief ein Kumpel „Kevin, lach doch mal.“ Natürlich habe ich mich gefreut, aber überrascht war ich überhaupt nicht.«

Auch Teamchef Jens Holzhauer lobt seinen neuen Fahrer. »Ich bin mit Kevin sehr zufrieden. Er bringt viel technisches Verständnis mit und fügt sich gut ins Team ein. Wir können ihn technisch gut lesen; das heißt, er macht Aussagen, mit denen wir etwas anfangen können. Dazu ist er ein Arbeitstier, hat einen starken Willen und will weiter nach vorne – genau so einen Fahrer brauche ich.«

Holzhauer weiter: »Ziel ist, langfristig zusammen mit Honda einen zweiten Fahrer für die Superbike-Klasse aufzubauen. Dass Kevin Wahr in diesem Jahr um den Supersport-Titel mitkämpft, dafür ist es wahrscheinlich zu spät. Dafür ist die Konkurrenz zu zahlreich; auch sind die Gegner wirklich sehr stark. Zufrieden sind wir, wenn Kevin Top-Five Ergebnisse einfährt. Und wenn sogar Podestplätze dabei herausspringen, freuen wir uns umso mehr.« 

Weitere Informationen:
 
http://www.kevin-wahr.de  

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